Eggener Tal

Ein Tal, wo Milch und Honig fließen

Im "Frühtau" laufe ich los, kurz nach Sechs, wenn die ersten Hähne krähen. Es ist meist die gleiche Runde - aber was für eine Verzauberung über mehr als zwei Jahrzehnte! Als meine Frau und ich zum ersten Mal auf der
"Johannisbreite" auf der Suche nach einem neuen Domizil über dem Eggener Tal standen und die malerischen Streuobstwiesen vor dem dunklen Kamm der Vogesen in der Nachmittagssonne förmlich zu leuchten
begannen, hatten wir beide den gleichen Gedanken: "Hier wollen wir leben!" Ein beinahe biblisches Szenario: "Ein Tal, wo Milch und Honig fließen!" Dass hier tatsächlich paradiesische Zustände herrschen, erfuhren wir
schon beim Einzug. Die Nachbarin stand mit einer Flasche Gutedel schon vor der Tür und gleich beim ersten gemeinsamen Dorfhock waren wir "Reinegeschmeckte" herzlich bewirtete Gäste.

Ich trabe los. Es geht vorbei an den granitenen "Laiernsteinen", freigelegt und fein gehobelt in der letzten Eiszeit. Beinahe provenzalisch muten die Bergwiesen zwischen Ober- und Niedereggenen an, die sich unter mir wie ein sattgrünes, zart gekräuseltes Tuch ausbreiten: sanfte Hügel, Weinberge, in der Ferne der Grand Ballon taucht wie ein verschlafener Riese aus dem Frühdunst ("Miesepeter", sagt man im Norden!). Immer steigend am Waldrand entlang, zu Füßen das Dorf friedlich allmählich erwacht. Nicht ganz so friedlich die beiden Bussarde oberhalb von Schallsingen, die sich von meinem Auftritten in ihrem Revier regelmäßig gestört fühlen. Rabiate Flugattacken - sie zischen von hinten hautnah über meinen Kopf ein-, zweimal und geben erst an der Stelle Ruhe, wo der Weg vom Waldrand wegführt. Seit geraumer Zeit spanne ich an dieser Stelle meinen Knirps auf, um mich vor ihnen zu schützen. Überlistet!

Auf der Höhe des Steinkreuzles grandioser Weitblick: Ein Ort zum Meditieren. Das weit hingebreitete Dörfchen unter mir lässt mich auch diesmal an den Hitchcock-Film "Immer Ärger mit Harry" denken, auch wenn ich da unten noch nie Ärger hatte und ganz gewiss niemand mit dem Austüfteln eines "genialen Mordplans" beschäftigt ist. Das Dorf war nie friedlicher als jetzt - und scheinbar schläft es noch. Der Psychologe und Kabarettist Georg Schramm hat im längst geschlossenen "Storchennest" seine ersten kabarettistischen Gehversuche gemacht; zu seinem "Dorfkabarett" – eine unvergessliche sympathische Huldigung der Eggener - auf dem Rathausplatz kamen weit über tausend Einheimische.

Ich blicke hinüber zum Schloss Bürgeln, elegant auf die Bergkuppe gesetzt, zur Burgruine Sausenburg, schaue hinüber zur Stelli und zum Hagschutz und hinunter nach Feldberg, wo der „Ochsen“ mit seinem wunderschönen Garten gerade sein 250-jähriges Jubiläum feierte. Ein wahrlich historischer Platz, an dem sich Hecker und einige seiner Mannen kurz vor der jämmerlichen Schlacht auf der Scheideck trafen. Bei dieser Schlacht am 20. April 1848 kam nicht nur der badische General von Gagern zu Tode. Es muss ein schlimmes Abschlachten gewesen sein, bevor sich der Zug der Freischärler um Friedrich Hecker in alle Winde zerstreute - das banale Ende so vieler Hoffnungen!

Der ins Tal hineinragende Hagschutz, schon in der Jungsteinzeit besiedelt, ist hier mein wahrer Lieblingsplatz – ausgestattet mit alten Obstbäumen, Hecken und Sträuchern, die bravourös vom BUND gepflegt werden - ein Biotop für Kleinreptilien, seltenen Vögeln und Insekten. Dort oben sind wir einmal an einem schwülen Sommerabend beinahe vom Blitz getroffen worden. Zwei Meter vor mir bog er weg – der blendende transparente Lichtstrahl. Ein Spektakel, das mir für Sekunden den Atem nahm. Seit mehr als zwei Jahrzehnten mache ich nun diese herrliche Runde, erfreue mich an der bauschigen Blütenpracht im Frühling und brüte neue Buchideen aus. Auf den Lippen ein stummes Hosianna - auf den Schöpfer und alle Menschen, die dieses Tal so herrlich geformt und liebevoll gepflegt haben.

 

Peter Martens
Verleger von Kunst- und Kulturbüchern

 

Lage
Schliengen, Eggener Tal - Obereggenen