Die "Gerichtseiche"

Schon seit den 1970er Jahren zieht es mich immer wieder zum Castellberg-Wanderparkplatz mit der altehrwürdigen „Gerichtseiche“. Bei fast jedem Besuch mache ich mir Gedanken, was an diesem Ort rund um die alte Eiche schon alles geschehen sein könnte.

Waren an dieser Stelle auch schon Menschen, die vor über 3.000 Jahren auf dem nahen Castellberg siedelten? Sind im Mittelalter an diesem Platz auch schon Bewohner der Castellberger Burganlage oder die ersten Bewohner der Castellhöfe gesessen? Die Stelle liegt am westlichen Schwarzwaldrand, genau über der Schwarzwaldrandverwerfung, der geologischen Abbruchkante, die die Vorbergzone vom Schwarzwald trennt. Geologisch betrachtet ein überaus beeindruckendes Gebiet, denn man findet hier Gesteine aus unterschiedlichen Erdzeitaltern.

Auf dem Platz steht schon seit ca. 400 Jahren eine alte Eiche. Wie alle dieser Art, ein ökologisch sehr wertvoller Baum. Eine „Baumpersönlichkeit“, die wie alle alten Eichen in der deutschen Mythologie Standhaftigkeit, Wahrheit und Tugend symbolisiert. Der Baum wuchs in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges heran. In dieser Zeit beherrschten Not und Ängste die Menschen. Tief verwurzelt war der Aberglaube an Hexen, Teufel und Geister. Es war aber auch eine Zeit des Umbruchs, in der sich langsam das Weltbild änderte.

War es in alter Zeit ein überreicher Fruchtansatz, der den Baum von der Axt verschonte? Denn früher war es weniger das harte Eichenholz, was einen Wert hatte, vielmehr waren es die Früchte, die den Wert bestimmten. Denn im Mittelalter und auch noch später wurden die Schweine mit Eicheln und Bucheckern gemästet und hierzu auch in den Wald getrieben.

Der Baumveteran mit einem unteren Stammumfang von über 7 m war schon mehrfach ein Tagesordnungspunkt bei Gemeinderatsitzungen. Im Jahre 1990 hatten sich Bürgermeister und Gemeinderat für eine Fällung ausgesprochen, kurz darauf wurde diese Absicht dann aber wieder verworfen. Die Naturgewalt und notwendige „baumchirurgische Maßnahmen“, zur Gefahrenabwehr für Wanderer und Kinder, hatten deutliche Spuren an dieser „ehrwürdigen alten Dame“ hinterlassen. Im Jahre 2007 wurde dann der Stamm der nahezu toten Eiche gekappt und eine holzbildhauerische Gestaltung zur so genannten „Gerichtseiche“ in Auftrag gegeben.

Der Künstler und Holzbildhauer Thomas Rees hat bei seiner Arbeit am harten Eichenholz eine faszinierende Kreativität entwickelt. Bei näherer Betrachtung zeigt die Baumgestalt eine große Vielfalt von Motiven aus der Geschichte. Bilder aus dem Weinbau sowie Teufel, Kreuze, Henker, Gehängte, auernde, Hexen, Drachen, Schlangen und eine Burg. Der Stamm ist bis zu einer Höhe von ca. 2,50 m hohl. Auch in diesem Hohlraum kann man über Öffnungen Figuren und Gestalten entdecken. Die vom Künstler ursprünglich platzierten Kugeln, die erdnahe Gestirne symbolisieren sollten, haben zwischenzeitlich, wie von Geisterhand getragen, den Hohlraum verlassen. Vermutlich liegen diese „Mitbringsel“ jetzt irgendwo in einer guten Stube und landen später einmal auf einer Müllkippe. Es ist eben „ein Stamm voller Überraschungen“.

 

Werner Bußmann
Wohnt in Ballrechten-Dottingen. Multiplikator in Sachen Natur und Kultur des Markgräflerlandes. Initiator des Castellberg-Projektes (Landesnaturschutzpreis 2010)

 

Lage:
Ballrechten-Dottingen liegt im nördlichen Markgräflerland. Die Zufahrt zum Castellberg-Wanderparkplatz ist vom Ortsteil Ballrechten ausgeschildert. Wanderer finden den Platz nordöstlich vom Castellberg, direkt am Bettlerpfad, bzw. nach kurzem Abstecher vom Markgräfler-Wiiwegle / Zähringerweg.